2009 Bicentenario

„NOTICIAS“ Ausgabe Dezember 2009

BICENTENARIO

2010 FEIERT MEXIKO ZWEI HISTORISCHE JAHRHUNDERTJUBILÄEN:
1810 - BEGINN DER UNABHÄNGIGKEITSBEWEGUNG UND
1910 - BEGINN DER REVOLUTION

Die Unabhängigkeitssäule unterbricht mit einem Rondell den Paseo de la Reforma, eine Hauptverkehrsachse in der Metropole Mexikos. Auf der Spitze des Monuments leuchtet ein vergoldeter Engel im Sonnenlicht. Das Denkmal wurde 1910 zum Andenken an den Beginn der Unabhängigkeitsbewegung Mexikos vor damals einhundert Jahren errichtet.

Über dem Haupteingang des Nationalpalastes in Mexico-City hängt eine kleine alte Kirchenglocke. Die mexikanische Nation erinnert sich jedes Jahr in der Nacht zum 16. September daran, dass der Pfarrer Miguel Hidalgo mit dem Läuten dieser Glocke im Turm der Pfarrkirche des Dorfes Dolores bei Guanajuato den Anstoß zur mexikanischen Unabhängigkeitsbewegung gab. Das Glockentöne waren von einem Aufruf Hidalgos an seine Landsleute begleitet, der als „Grito“ in die mexikanische Geschichte einging und in der damaligen überlieferten Fassung wie folgt lautete: „Viva la religión católica! Viva Fernando VII! Viva la Patria y viva y reine por siempre en este Continente Americano nuestra sagrada patrona, la Santisima Virgen de Guadalupe! Muere el mal gobierno!”

In anderem Zusammenhang, aber zur selben Zeit, sprach Hidalgo zu dem spanischen Verwaltungsbeamten (Intendanten) in Guanajuato von einer „demütigenden und schändlichen“ Unterdrückung der Mexikaner seitens der „Halbinsel (Spanien) seit  dreihundert Jahren“. Hidalgo sprach auch von den unantastbaren Rechten der mexikanischen Nation. Er charakterisierte sein Land als eine autonome Körperschaft, die man nicht mehr Nueva Espana, sondern Nación Mexicana nennen solle.

Hidalgo kämpfte für eine mexikanische Nation mit einer autonomen Regierung. Sein Aufstand hatte keine separatistischen Züge. Ihm schwebte eine treuhänderische Verwaltung der Regierung vor, solange Ferdinand VII. in französischer Gefangenschaft war. Er wollte die Autonomie einer mexikanischen Nation in einem spanischen Staatenverbund. Immerhin saß damals José I., ein Sohn Napoleons, auf dem spanischen Königsthron, und Spanien kämpfte von 1808 bis 1814 gegen die Franzosen selbst um seine staatliche Unabhängigkeit. Hidalgos Rebellion richtete sich gegen die Europa-Spanier in Mexiko, die in Spanien geboren waren (gachupines) und gegen die mit ihnen verflochtene Oberschicht der Amerika-Spanier, die in Mexiko gebürtigen Spanier (Kreolen).

Es war vom Anfang der Kolonialzeit an die erklärte Politik Spaniens, Mexiko mit  Spaniern aus dem Mutterland zu regieren. Nicht nur der Vizekönig sollte als Vertreter der Krone aus Madrid kommen und das Land beherrschen und kontrollieren.  Gachupines und Kreolen aus der mexikanischen Oberschicht besetzten alle Positionen in Politik, Kirche, Verwaltung, Militär, Bergbau und Landwirtschaft. Gegen sie richtete sich in erster Linie die Wut der Aufständischen (Insurgentes). Die Rebellen wollten die gachupines verjagen, die Inquisition beseitigen und eine Erziehung ihrer Kinder ohne klerikale Kontrolle.

Mit einer Verwaltungsreform einige Jahrzehnte vor der Erhebung Hidalgos hat Spanien die Zügel der Verwaltung gestrafft. Die fiskalischen Abgaben wurden erhöht und die Übergriffe gegen kommunales Land der indigenen Bevölkerung häuften sich. So bekam der Aufstand Hidalgos mit der Forderung nach Gerechtigkeit und Gleichheit auch eine soziale Komponente. Die unteren Schichten der Kreolen, die Mestizen und die Indios fühlten sich daher von den Aufständischen angesprochen und folgten Hidalgo und den anderen Insurgentes in ihrem Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit.

Der Aufruhr in Mexiko zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist auch vor dem Hintergrund ideeller äußerer Einflüsse zu sehen. Aus England kam das Ideengut der Aufklärung. Die nordamerikanischen britischen Kolonien waren unabhängig geworden und hatten sich eine auf Gewaltenteilung aufgebaute parlamentarische Verfassung gegeben. Das Gedankengut der französischen Revolution von 1789 mit seinem Aufruf für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war auch in Mexiko eingedrungen. Napoleon hatte den spanischen König Karl IV. zur Abdankung gezwungen und ihn sowie seinen Sohn und Thronfolger Ferdinand VII. gefangen genommen und nach Frankreich verschleppt. Den gachupines wurde  vorgeworfen, in Mexiko französische Interessen zu vertreten und das Land unter französischen Einfluss  bringen zu wollen.  

Die Verschränkung vielfältiger Ideen, Interessen, Emotionen sowie ethnische und soziale Unterschiede heizten die Unabhängigkeitsbewegung in Mexiko zu Beginn des 19. Jahrhunderts an. Es sollte aber noch bis zum Jahre 1821 dauern, bis der von der spanischen Regierung in Mexiko mit Ablösung des Vizekönigs neu eingesetzte Oberste Verwaltungschef  Mexiko im Vertrag von Córdoba auf der Grundlage des zuvor entworfenen Plans von Iguala in die Unabhängigkeit entließ.

Bis zum Beginn der mexikanischen Revolution 1910 durchlebte die Republik schwere Zeiten. Diktaturen, Kriege, ausländische Interventionen, der Verlust von Territorien, teilweise auch anarchische Epochen, prägten das Schicksal des Landes und ließen die Bevölkerung leiden, aber auch die Unterschiede in der mexikanischen Gesellschaft in der Teilhabe am politischen und wirtschaftlichen Leben deutlich werden.

Die Erhebung richtete sich zunächst gegen die Wiederwahl von Porfirio Diaz als Staatspräsident. Bald schlossen sich aber die Landarbeiter des Südens und des Zentrums an, dann auch der Mittelstand und Teile des Bürgertums, die die Macht des Großgrundbesitzes und des ausländischen Kapitals brechen wollten. Die dritte Gruppe war das Militär, das sich der Revolution anschloss, weil es unter den politischen und sozialen Verhältnissen im Lande litt. Zwanzig Jahre lang kam Mexiko politisch nicht zur Ruhe, bis sich 1929 eine Partei formierte, die in siebzig Jahren Mexiko politisch und wirtschaftlich stabilisierte. Diese Grundlage machte das Land zu einem angesehenen Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft und zu einem verlässlichen Partner in der globalen Wirtschaft.

ht