| 2009 Johann Moritz Rugendas |
"Noticias" Ausgabe Dezember 2009JOHANN MORITZ RUGENDASDirk Bühler / Augsburg-MünchenSein Leben und Werk Die Vielschichtigkeit von Rugendas Werk erschließt sich wohl am ehesten über einen einführenden Blick auf seinen abwechslungsreichen Lebensweg. Johann Moritz Rugendas (1802-1858) stammte aus einer angesehenen Augsburger Künstlerfamilie, die sich mit Stichen, Zeichnungen und Gemälden vor allem großer Schlachten auch überregional einen Namen gemacht hatte und außerdem seit mehreren Generationen einen Kunstverlag betrieb. Die Familie mit möglichen Wurzeln in Nordwestspanien war noch im Uhrmacherhandwerk tätig als sie 1608 aus dem hessischen Melsungen in das wohlhabende und aufgeschlossene Augsburg übersiedelte. Als drittes von fünf Kindern des Malers Johann Lorenz Rugendas (1775-1826) wurde Johann Moritz am 29. März 1802 in diese Künstlerfamilie hinein geboren. Schon mit seinen ersten Werken, die in der Werkstatt seines Vaters entstanden schien sein beruflicher Werdegang als Schlachtenmaler vorgezeichnet zu sein. Kurz nach Vollendung seines 15 Lebensjahres begab er sich nach München, wo er bei einem Familienfreund, dem Pferde- und Schlachtenmaler Albrecht Adam (1786-1862), wohnte und weiter lernte; zusätzlich besuchte er ausgewählte Klassen an der Münchener Akademie. Durch eine Empfehlung des ungarischen Botanikers Wilhelm Friedrich von Karwinski (1780-1855) sollte das Leben Johann Moritz Rugendas eine unerwartete, abenteuerliche Wendung nehmen. Auf Karwinskis Rat nämlich lud der Generalkonsul des Zaren in Brasilien, Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff (1774-1852) Rugendas ein, ihn als Illustrator auf seiner Reise nach Brasilien zu begleiten. Nachdem sich das Material einer kurz zuvor zurückgekehrten bayerisch-österreichischen Amazonas-Expedition als wenig brauchbar erwiesen hatte, wollte er für sein Unternehmen einen besonders fähigen Künstler an seiner Seite wissen. Anfang Oktober 1821 wurde der Vertrag unterzeichnet. Im März 1822 trafen die Reiseteilnehmer in Rio de Janeiro ein. Für Rugendas jedoch sollte die Reise erst erfolgreich verlaufen nachdem er sich -entgegen seinen vertraglichen Verpflichtungen und mit seinen Werken im Gepäck- selbständig auf den Weg durch das Land machte. Mit seinen Zeichnungen, Aquarellen und Temperastudien von Landschaften, Architektur, Straßenszenen, aber auch von Indianern und der tropischen Vegetation kehrte er im Mai 1825 nach Europa zurück und traf sich in Paris zunächst mit dem Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) der ihn als „Vater aller Kunst, die Physiognomie der Natur darzustellen“ zu schätzen wusste und auch sofort in die Künstlerkreise von Paris einführte. In den kommenden Jahren reiste er immer wieder nach Augsburg und München und arbeitete mit Humboldts Unterstützung an der Herausgabe seiner „Voyage Pittoresque dans le Brésil“, die mit 100 Blättern ab 1827 in Paris erschien. Die Einnahmen aus der Veröffentlichung dieses Werkes erlaubten es ihm, die Jahre 1828 und 1829 mit Reisen in Italien zu verbringen. Er studierte dort Landschaften, Menschen und die Altertümer, fertigte Architekturzeichnungen und interessierte sich für volkstümliche Charaktere und Szenen aus dem Alltag, die er in Zeichnungen und Bildern festhielt. Besonders beeindruckte ihn eine Ausstellung der Werke William Turners 1828 in Rom, eine Erfahrung, die deutliche Spuren in seinem Werk hinterlassen sollte. Doch der Gedanke an eine Rückkehr nach Südamerika ließ ihn auch in Europa nicht wieder los; in den 1850er Jahren schrieb er einmal: „En mis pensamientos – tendí un puente - hacia el vasto mundo – Desde las cimas de los Alpes – hasta la lejana Cordillera de los Andes …” Und so plante er bereits eine neue Reise mit dem Ziel Mexiko, die er schließlich im Frühjahr 1831 von Bordeaux aus antrat. Am 30. Juni 1831 ging er in Veracruz (Mexiko) an Land, bereiste bis in den Winter hinein das östliche Hochland und ließ sich schließlich in Mexiko Stadt nieder, von wo aus er das Landesinnere bei ausgedehnten Exkursionen erkundete. Wie alle Besucher aus der alten Welt beeindruckten ihn die ausgedehnten, kraftvollen amerikanischen Landschaften, das mit ungewöhnlicher Strahlkraft wirkende Licht, die -in einem jetzt unabhängigen Staate- gerade aufkeimende Suche nach den indianischen Wurzeln und ihren Zeugnissen, aber auch die Menschen und ihr Brauchtum. Seine Kategorien der Landschaft stehen jenseits von Ratschlägen und Lehren, dafür in untrennbarer Verbindung zur Erfahrung der amerikanischen Landschaft – einer sehr visuellen Erzählweise, die unmittelbar von der Wirkung der Reise und einer kartographischen Vorstellung ausgeht. Dabei folgt seine Entwicklung mehr der monumentalen Gemütsverfassung während der Reise als einer wissenschaftlichen Anforderung. Zu mexikanischen Künstlern nahm wohl er wenig oder gar keinen Kontakt auf, schloss aber Freundschaften mit Unternehmern und Politikern, die zu seinen Kunden gehörten. Doch im April 1833 wurde er der Mittäterschaft an einem Komplott bezichtigt, das offenbar Bekannte von ihm geplant hatten und obwohl ihn das Gericht schließlich im September von allen Vorwürfen freisprach wurde er des Landes verwiesen. Dennoch unternahm er bis zu seiner endgültigen Abreise eine Expedition in den Norden Mexikos, eine Reise, die er in ausdrucksvollen Landschaftsgemälden dokumentierte. Im März 1834 schiffte er sich -nach mehreren vergeblichen Aufforderungen, endlich das Land zu verlassen- in Acapulco ein, um im Mai in Valparaíso wieder an Land zu gehen, wo ihn bei seinem unerwartet langen achtjährigen Aufenthalt neue Abenteuer erwarten sollten. Ob ihn bei seiner Wahl Humboldts Warnung „… hüten Sie sich vor Chile …“ zum Widerspruch angestachelt hat ? Immerhin widerlegt Rugendas Chile-Werk die Ansicht von Humboldt, es gäbe dort „nichts zu sehen und zu malen für einen so großen Künstler …. „. Rugendas bezog abwechselnd in der charmant-künstlerischen Küstenstadt Valparaíso, in der zentral gelegenen Hauptstadt Santiago und im ländlich-mediterranen Talca, 250 Kilometer südlich der Hauptstadt mit seinem Atelier Quartier, um von diesen Orten aus die Küstenregion und das Landesinnere intensiv zu erkunden. Er begann seine Arbeit in Chile mit einer Bilderserie über Trachten und Menschen und unternahm von 1835 bis 1836 eine erste größere Reise zu den Araukanern südlich des Río Bío Bío, einem Indianerstamm, der durch Frauenraub, seine Raubzüge und Überfälle berühmt und berüchtigt war. Besonderes Ansehen verlieh ihm 1835 die Stiftung des Erlöses aus der Versteigerung seines Gemäldes „Ankunft des Präsidenten Prieto auf der Pampilla“ zugunsten der Erdbebenopfer in Chillán, das sich heute im Besitz des Museo Nacional de Bellas Artes in Santiago befindet und auch in der Ausstellung zu sehen ist. 1837 unternahm er eine weitere Reise nach La Serena, fuhr dann weiter zu den Salpeterminen Nordchiles und versuchte zum Jahreswechsel mit dem Maler Robert Krause (1813-1885) über den Paso de la Cumbre nach Argentinien zu gelangen. Am 12. Februar 1838 scheute sein Pferd in einem heftigen Gewitters wegen eines Blitzschlages und Rugendas erlitt beim Sturz eine derart schwere Kopfverletzung, dass Krause und er nach Chile zurückehren mussten. Rugendas kam im Hause chilenischer Freunde unter und erholte sich von seinem Sturz trotz liebevoller Pflege erst im Mai 1838. Die Genesung gelang allerdings nur mangelhaft und er litt bis zum Lebensende an den Unfallfolgen. Sehr viel Glück bei seinen Plänen zur Gründung einer Familie in einer dauerhaften Liebesbeziehung war Rugendas weder in Deutschland noch in Amerika beschieden und so kam es auch in den folgenden vier Jahren, die er wieder in Valparaíso verbringen sollte zu einer weiteren Enttäuschung. Nur kurz nach der Lösung einer Verlobung Ende 1842 entschloss er sich erneut zum Aufbruch, jetzt Richtung Callao/Peru. Er bezog in Lima Quartier und besuchte die Küstenstädte Arica und Tacna. Auf weiteren Expeditionen lernte er La Paz (Bolivien), Cuzco (Peru) die ehemalige Hauptstadt des Inkareiches, Ollantaitambo und die Kolonialstadt Arequipa kennen. An allen Orten entstanden Architektur- und Landschaftszeichnungen und –gemälde. Anfang 1845 führte ihn sein Lebensweg noch einmal für ein paar Tage nach Valparaíso, das er aber schon am 14. Februar 1845 Richtung Montevideo wieder verließ. Juli bis August 1846 verbrachte er auf dem Río Paraná und Paisandú, um in Río de Janeiro schließlich eine triumphale Rückkehr an das Ziel seiner ersten Amerikareise zu erleben. Mit vielen und hohen Ehrungen versehen trat er im Frühjahr 1847 die Rückreise nach Europa an. Auch auf dieser Reise machte er noch einen Zwischenstopp in Paris, um –leider erfolglos- für die Veröffentlichung seiner Werke zu werben bevor er am 1. Juli 1847 wieder seine Heimatstadt „als 45jähriger Mann [erreichte], fast wie er ausgezogen, aber reich an Zeichnungen, Plänen, Bildern und Entwürfen“, wie die „Augsburger Allgemeine“ vom 5. Juli 1847 seine Rückkehr kommentierte. Das Jahrzehnt bis zu seinem Tode verbrachte Rugendas vor allem mit der Vermarktung –wie man heute sagen würde- seines Amerikawerkes: Auf Anregung des Bayernkönigs Ludwig I. und aufgrund einer Empfehlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erwarb der bayerische Staat 1848 von Rugendas 3.356 Blätter gegen die Zahlung einer jährlichen Rente von 1200 Gulden. Außerdem verpflichtete sich Rugendas jährlich 20 weitere Skizzen beizusteuern, eine Auflage, der er nicht nachgekommen ist. Ein Kolossalgemälde, die „Landung des Kolumbus in Amerika“, das er 1852 auf Wunsch des bayerischen Königs Maximilian II. für die Historische Galerie des Münchner Maximilianeums gemalt hat, ist den Zerstörungen des 2. Weltkriegs zum Opfer gefallen. 1856 stiftete er seine Sammlung bedeutender Briefe sowie 1.400 Zeichnungen und 7 Ölgemälde aus seinem Familienbesitz dem Historischen Verein für Schwaben und Neuburg; sein eigener künstlerischer Nachlass mit 1.050 Handzeichnungen, Bleistift- und Farbenskizzen wurde 1858 vom Historischen Verein erworben. Auf Betreiben Humboldts wurde Rugendas 1854 von Kaiser Friedrich Wilhelm IV. mit dem Roten Adlerorden III. Klasse geehrt. Seine neuerliche Hoffnung auf eine Heirat, von der er sich so viel neuen Lebensgeist versprochen hatte, rückte im Mai 1858 in aussichtslose Ferne als er wegen seiner nicht erfüllten Vertragspflichten in Geldnöte geraten war. Johann Moritz Rugendas starb am 29. Mai 1858 in Weilheim an der Teck. Wenn Sie mehr über Rugendas und seine Werke erfahren möchten empfehlen wir Ihnen einen Besuch der Ausstellung: "Kunst um Humboldt. Reisestudien aus Mittel- und Südamerika" zu besuchen, die vom 13. November 2009 bis zum 11. April 2010 im Kupferstichkabinett im Kulturforum (Matthäikirchplatz in 10785 Berlin) zu sehen ist. So beschreibt die Webseite des Kupferstichkabinetts die Ausstellung: Die Maler Johann Moritz Rugendas, Ferdinand Bellermann und Eduard Hildebrandt unternahmen in der Nachfolge Alexander von Humboldts im 19. Jahrhundert ausgedehnte Reisen durch Lateinamerika. In den Reiseskizzen und Naturstudien erlebten die von Humboldt angeregten Darstellungen eine europaweit beachtete Blüte. Von den Landschaften, der Flora und Fauna, den Ortschaften, Volkstypen, Sitten und Gebräuchen der von ihnen durchstreiften Regionen entwarfen die Künstler ein faszinierendes Bild. Das Kupferstichkabinett besitzt wertvolle Werke, die von den Reisen der Künstler zeugen. Sie stammen von Rugendas dreijährigem Aufenthalt in Mexiko (1831-34), von Bellermanns Aufenthalt in Venezuela (1842-45) und Hildebrandts erster Brasilienreise (1844). Die meisten Arbeiten wurden durch Humboldts Vermittlung von Friedrich Wilhelm IV. für das Kupferstichkabinett erworben. Weitere Information Kulturforum +49 - (0)30 - 266 42 3040 |